Der Name, der zunächst befremdlich klingen mag, hat eine
konkrete Bedeutung: „Hap“ bezeichnet die Harmonie
von Körper und Geist, „Ki“ heißt die
Lebens- und Körperenergie, „Do“ steht für
den Weg des Lebens und des Lernens. Kennzeichnend für diese
Form der Selbstverteidigung sind kreisförmige Bewegungen.
Ein „Hapkidoka“ – so nennen sich die Kämpfer
– blockt Tritte und Schläge seines Angreifers nicht
ab. Er nutzt die Energie des Gegners aus und leitet den Angriff
in eine kreisförmige Bewegung um. Holt der Kontrahent beispielsweise
zu einem seitlichen Fußtritt aus, kann der Angegriffene
diesen Fuß greifen und ihm einen Stoß geben, so
dass sich der Angreifer um die eigene Achse dreht, die Koordination
verliert und der Tritt ins Leere geht.
Bei allen Aktionen
kommt es darauf an, den richtigen Moment abzupassen, sagt Warnecke,
der den dritten Dan, also den dritten Schwarzgurt trägt.
Es habe wenig Sinn, bei einem Angriff gleich drauflos zu schlagen.
„Man muss Geduld haben, um die passende Situation zu erkennen
und voll ausnutzen zu können“, erklärt der 47-Jährige.
Nicht ohne Grund nennt er Hapkido eine „Lebensphilosophie“.
Warten bis eine Chance kommt – das sei eines der Prinzipien,
die ein Hapkidoka „in alle Bereiche seines Lebens übernehmen
sollte.“
Um seine Chance effektiv
zu nutzen, muss ein Kämpfer in der Lage sein, seine Energie
– das Ki – aufzustauen und gezielt raus zu lassen.
„Impulsartig die größtmögliche Kraft entwickeln“,
erklärt Warnecke das Prinzip. Sein Schüler André
Pöhler, Träger des ersten Dans, macht es vor. Mit
gestrecktem Arm versucht Warnecke seinem Opfer ein imaginäres
Messer in die Eingeweide zu rammen. Der wehrt diesen Angriff
mit einer kreisenden Handbewegung ab. Dabei knickt er den Arm
des Anderen so geschickt ein, dass die Waffe plötzlich
gegen den Angreifer selbst gerichtet ist. Das alles geschieht
fließend, ohne Anstrengung und „ganz locker“,
wie Pöhler sagt. Erst jetzt, für den Bruchteil einer
Sekunde, bringt der Schwarzgurt Kraft auf und stemmt das unsichtbare
Messer mit einem Ruck in die Rippen des Trainers. „Ziel
aller Techniken ist es, den Gegner kampfunfähig zu machen“,
sagt Warnecke. „Und das möglichst effizient“.
Ein Leits atz besagt: „Ein Hapkidoka ist niemals der Erste,
aber immer der Letzte“. Er schlägt also nicht zuerst
zu, ist aber in der Lage, eine Auseinandersetzung zu kontrollieren
und jederzeit in seinem Sinne zu beenden.
Im Unterschied zu
den meisten Kampfsportarten sind im Hapkido die Techniken nicht
auf bestimmte Tritte oder Schläge beschränkt. Das
liegt daran, dass die Kampfkunst nicht primär auf Wettkämpfe
ausgerichtet ist. Es gibt keine regelmäßigen Meisterschaften
um Medaillen wie beim Judo oder Taekwondo. Dort gehe es darum,
sich mit anderen zu messen. Für solche Wettkämpfe
sei es notwendig, sich auf Techniken und Regeln zu einigen.
Hapkido hingegen gehe mehr vom ursprünglichen Zweck der
asiatischen Kampftechniken aus: das eigene Leben zu schützen.
Und da ist eben alles erlaubt.
Besonders weniger
kräftigen Menschen gibt die koreanische Kampfkunst eine
Chance, sich selbst zu verteidigen. Birgit Holtzmann ist 160
Zentimeter groß und wiegt gerade mal 50 Kilogramm. Einen
Mann auf die Matte zu werfen, ist für sie kein Problem.
„Ich habe gelernt, meinen Körper zu beherrschen“,
sagt die 33-Jährige. Die blauen Flecken, die das Training
hin und wieder mit sich bringt, gehören halt dazu, sagt
die junge Frau und präsentiert ein üppiges Exemplar
auf dem Oberschenkel. Mit Samthandschuhen werde niemand angefasst.
Trotz Bluterguss steht für sie felsenfest: „Es macht
riesigen Spaß! Hapkido hat mir innere Kraft und mehr Selbstbewusstsein
gegeben“, sagt sie und ist sich sicher: „Wenn Weglaufen
nichts mehr bringt, bin ich in der Lage, mich selbst zu verteidigen.“
Ob sieben oder 70
Jahre – Menschen jeden Alters, so Warnecke, können
die asiatische Kampfkunst lernen. Denn die Lehrmethode berücksichtige
die körperliche Voraussetzung jedes Einzelnen. „Hapkido
ist wie ein Baukasten“, sagt der Trainer. Daraus suche
sich jeder Schüler die Techniken raus, die er am besten
einsetzen könne. Der eine beherrsche hohe Sprünge
und akrobatische Tritte, ein anderer sei spezialisiert auf Würfe.
„Ich kann immer nur Legosteinchen zeigen. Das Haus müssen
sie damit selber bauen.“ So könne jeder seine eigenen
Möglichkeiten voll ausschöpfen. Deswegen sei die Kampfkunst
zum Beispiel auch für Behinderte geeignet. „Wer körperlich
beeinträchtigt ist, hat vielleicht keine Füße,
mit denen er einem Gegner bis an den Kopf treten kann. Dafür
kann er andere Techniken lernen und weiterkommen“, sagt
Warnecke. Er selbst hatte bereits einen Schüler mit Glasknochen,
der im Rollstuhl saß. Auch geistig behinderte Menschen
seien in der Lage, Hapkido zu trainieren. „Jemand kann
durchaus eine Gelbgurt-Prüfung machen, auch wenn er sich
nicht allein die Hose anziehen kann.“ Gemessen wird jeder
nur an sich selbst. Was zählt: besser sein als beim letzten
Mal. |